Samstag, 6. August 2011

Sasbachwalden - die Zweite - ZDF

Liebe Leser,
aufgrund von Fragen ergänzen wir unser letztes Posting um einige Zahlen, Daten, Fakten...

Frage: Warum denn GPON?

Antwort: GPON war kostengünstiger (ca. 15% - je nach getroffenen Annahmen auch mehr) und es handelt sich in Sasbachwalden zu fast 100% um Privatkunden oder SoHo-Kunden. Wir waren der Ansicht, dass wir die wenigen Geschäftskunden ggf. dediziert auf den Ethernet-Switch „packen“, der als Open Access Demarkationslinie dient. Zum Hintergrund: Im Vergleich mussten wir in Sasbachwalden sehr lange Strecken zur Vernetzung der einzelnen Ortsteile überwinden, der Boden enthält viel Fels, die Lagen sind sehr steil tlw. (Schwarzwald). Wir überwinden auf ca. 10 km Länge knapp 800 Höhenmeter (tiefster Punkt bei 170m, höchster bei ca. 900m). Daher haben wir uns für PON entscheiden und durch outside splitting die Kosten (im Vergleich zu P2P) entsprechend senken können, denn die Kosten sind im Vergleich bereits sehr hoch je Gebäude (siehe auch nächste Frage).

Frage: Was waren die Kosten pro Haushalt?

Antwort: das Gesamtprojekt hat 3,4 Mio. gekostet (inkl. Nebenkosten), d.h. also 2.720 € / Haushalt oder 5.862 € / Gebäude, bzw. Abschlusspunkt (es wurden außer "normalen" Gebäuden z.B. auch Druckminderungsschächte und Hochbehälter der Wasserversorgung erschlossen). Das Land Baden-Württemberg hat das Projekt mit 1,5 Mio. € gefördert. Ohne die Förderung wäre das Projekt sicher nicht zustande gekommen. Das Land war hier u.E. auch sehr mutig, insbesondere der/die zuständigen Mitarbeiter im Ministerium für den Ländlichen Raum.

Frage: Warum ist der Unterschied zwischen Download und Upload so groß?

Antwort: Grund ist die Preispolitik des Betreibers. Es gab zum Start sehr große Beschwerden über zu hohe Produktpreise, daher wurden 1.) TV heraus genommen und 2.) die Upload-Bandbreiten gesenkt – so war eine Kostensenkungen (durch Wahl eines anderen Vorleisters) möglich. Derzeit reichen die Bandbreiten (das zeigen unsere Messungen) vollkommen aus.

Frage: Kommt auch noch Fernsehen dazu?
Antwort: TV als Zusatzprodukt (realisiert als RF-Overlay) steht kurz vor dem Test. Die Realisierung hängt letztlich von der Anzahl der Anmeldungen / Kunden ab – siehe auch obige Frage/Antwort.

(Vorweg genommene) Frage: kommt Open Access?
Antwort: in den letzten Monaten wurden mehrere Gespräche mit größeren Betreibern geführt. Hauptproblem ist die Differenz in den jeweiligen Preisvorstellungen bzw. die Unmöglichkeit, im Rahmen von OA Fremdprodukte zuzukaufen. Wir sehen den deutschen Markt derzeit so: fast alle Diensteanbieter können Open Access nicht. Außerdem sind die Preisvorstellungen noch zu weit auseinander. "Die Grossen" wollen möglichst wenig für einen Bitstromzugang (hier als Layer 2 mit VLAN-Tagging realisiert inkl. COS-Definitionen je Kunde und VLAN) bezahlen. Unserer Einschätzung vergleichen die Kaufleute diesen "neuen" Bitstromzugang mit dem alt bekannten BSA der DTAG auf Layer 3 ohne Qualitätsklassen. Das hier die Preisvorstellungen divergieren, erscheint zwar nachvollziehbar, aber unrealistisch. Wir arbeiten derzeit an mehreren Optionen quer durch Deutschland, Open Access kaufmännisch, technisch und prozessual (das u.E. meist unterschätzte Problem!!!) umzusetzen.

Netz Sasbachwalden offiziell eröffnet

Am Mittwoch, 3.8.11, wurde das neue Glasfasernetz der Gemeinde Sasbachwalden offiziell durch den Minister für den Ländlichen Raum, Herrn Bonde (Grüne), eröffnet. Man soll ja zurückhaltend mit Äußerungen in eigener Sache sein, aber:
Insgesamt versorgt das Glasfasernetz in Sasbachwalden 1290 Haushalte in 550 Gebäuden verteilt auf 44 Straßen. Die Netzlänge beträgt 42 km. Wir nutzen konventionelle Gräben, Abwasserkanäle und Freiluftleitungen. Als Technik wird GPON eingesetzt. Nachfolgend ein paar Kennzahlen:
  • ca. 4 km durch Mitnutzung des vorhandenen Kanalleitungsnetzes der Gemeinde;
  • ca. 6 km durch Freileitungen, dabei ein Großteil (ca. 5 km) unter Mitnutzung des vorhandenen Niederspannungsnetzes des örtlichen Stromversorgers (SÜWAG), ein kleiner Teil durch neue Freileitungen (~ 1 km), insbesondere für Hausanschlüsse;
  • ca. 5 km durch die Mitnutzung vorhandener Leerrohrinfrastrukturen, teilweise im Gemeindebesitz, teilweise im Privatbesitz;
  • ca. 3 km durch Mitverlegung im Rahmen des Neubaus einer Wasserleitung;
  • ca. 3,5 km durch Privatinitiative (insbesondere um Freileitungen zu vermeiden).
Das Netz wird durch die Firma telsakom betrieben (www.telsakom.de). U.E. können sich die Preise im Quervergleich sehen lassen.
Wer weitere Informationen haben möchte: eine mail an info (at) seim-partner (punkt) de, und wir melden uns.
Solche Veranstaltung haben ja einen mehrschichtigen Charakter. Was uns sehr positiv aufgefallen ist (und hier ist uns wichtig: wir sind ironiefrei): Herr Bonde konnte zuhören und versuchte zu verstehen, wie das Projekt funktioniert und welche Wirkungen es hat. Das ist nach unseren Erfahrungen nicht die Regel!

Freitag, 1. April 2011

Debatte um Universaldienst in der CDU/CSU

Die Arbeitsgruppe Wirtschaft der CDU/CSU-Fraktion hat am 22.3.11 folgenden Beschluss gefasst:

Einführung eines Breitbanduniversaldienstes: Unter Ziffer 4 ihres Beschlusses fordert die Union die Einführung eines Breitbanduniversaldienstes zum 01.01.2012 von 16/MBit/s und zum 01.01.2016 von 50 MBit/s. Zusätzliche öffentliche Mittel sollen hierfür nicht zur Verfügung gestellt werden.

Verbindliche Vorabfestlegungen durch die BNetzA: Im Vorfeld von Investitionsentscheidungen sollen Unternehmen künftig die Möglichkeit erhalten, von der Bundesnetzagentur eine verbindliche Auskunft über die künftige Regulierung – auch langfristig - zu erhalten.

Erlass von Regulierungskonzepte durch die BNetzA nur nach vorheriger Genehmigung durch das BMWi: Der Erlass von Regulierungskonzepten durch die Bundesnetzagentur in Form von Verwaltungsvorschriften – so wie derzeit im TKG-Entwurf angelegt, wird gem. Ziffer 3 von der CDU/CSU-Arbeitsgruppe Wirtschaft abgelehnt. Gewollt sei vielmehr ein europarechtlich zulässiger Weg, „der Kompetenz und Verantwortung wieder in Einklang bringt, ohne formal die Unabhängigkeit der Regulierungsbehörde in Frage zu stellen.“

Einführung einer regionalisierten Regulierung: In Ziffer 6 wird gefordert, eine zwingende Verpflichtung für die Bundesnetzagentur einzuführen, nach der sie eine regionalisierte Regulierung durch regionale Marktbetrachtungen und Wettbewerbsanalysen zu prüfen hat.

Nachhaltige Risikoteilungsmodelle: Um die Wirtschaftlichkeit des Netzaufbaus sicher zu stellen sollen auch Ausnahmen vom Kartellverbot für Breitbandkooperationen geprüft werden (Ziffer 5).

Digitale Dividende II: Abschließend fordert die Arbeitsgruppe Wirtschaft der CDU/CSU-Bundestagsfraktion in Ziffer 8, dass die Bundesländer weiteres Frequenzspektrum zur Verfügung stellen, wobei sie eine angemessene Kompensation erhalten sollen. Die Funkanbieter sollen zu nationalem Roaming verpflichtet werden, so dass mobiles Surfen unabhängig vom vor Ort gerade vorherrschenden Anbieter möglich ist.

In der Branche hat dieser Beschluss einige heftige Reaktionen ausgelöst, da diese Forderungen als platte Übernahme von Telekompositionen aufgefasst wird, ohne jegliche Rücksichtnahme auf die Wettbewerbsunternehmen.

Alle Positionen, die wir bisher vernehmen konnten, nehmen eindeutig GEGEN diesen Beschluss Stellung. Die Argumente zu den Einzelpunkten lauten zusammengefasst:

1. Mitnutzungsanspruch für privatwirtschaftlich realisierte Netzinfrastrukturen, OHNE das der Staat selber seine eigenen Infrastrukturen öffnet: Dies wird als asymmetrisch und damit unfair wahrgenommen.

2. rechtsverbindliche Festlegung des Regulierers VOR dem Netzausbau: Dies sei nach europäischem recht strikt verboten, da die Erfahrung zeige, dass sich Wettbewerbsprobleme i.d.R. erst NACHTRÄGLICH feststellen lassen. Einen Blankscheck könne es nicht geben.

3. Zulassung von Regulierungskonzepten durch das BMWI: diese Forderung wird als rechtwidriger Angriff auf die Unabhängigkeit des Regulierers aufgefasst, verbunden mit einer Aufblähung der Verwaltung, da äußerst kmomplexe rechtliche, wirtschaftliche und ggf. auch technische Fragen von mehreren Behörden (Ministerium + Regulierer) geprüft werden müssten.

4. Einführung eines Universaldienstes mit 16 MBit/s bis zum 1.1.2012 und mit 50 MBit/s bis 2016 OHNE staatliche Leistungen, SONDERN durch Verpflichtung der TK-Unternehmen. Damit werden alle Wettbewerbsunternehmen zur Telekom gezwungen, über die im TKG geregelten Mechanismen den nötigen Netzausbau der DTAG zu finanzieren, was automatisch zu einer massiven Marktverdrängung der kleineren Unternehmen führe.

5. Risikoteilungsmodelle, die auch Ausnahmen vom Kartellverbot rechtfertigen und Eingriffe des regulierers verhindern sollen. Diese Forderung würde in letzter Konsequenz zu neuen (großen wie kleinen) Monopolen führen, die aber im deutschen wie im europäischen Recht nicht erlaubt sind. Und dafür gibt es, so unsere Ansicht, sehr gute Gründe.

6. regionale Differenzierung der Regulierung als Pflicht, statt als Möglichkeit. Bisher gibt es nur in Großbrittanien regional abgegrenzte Märkte (aber auch hier: nicht mehr als vier). Die Pflicht zur regionalisierten Regulierung wird als Versuch angesehen, die Deutsche Telekom in ausgewählten Regionen aus der Regulierung zu entlassen und gleichzeitig kleinen Unternehmen lokale Auflagen zu erteilen. Letztlich führe dies zu einem Stillstand des Wettbewerbs in Deutschland, der nur der Deutschen Telekom nutze.

7. Forderung nach ein em EXKLUSIVEN Nutzungsrecht für die Inhaus-Verkabelung durch EINEN Investor. Diese Forderung wird als EU-rechtswidrig und einseitig zu Gunsten der Telekom aufgefasst. Eine NICHT exklusive Regel würde auf größere Akzeptanz stossen, da heute der Zugang zu den Gebäuden (flapsig formuiert) ein "rechtliches Minenfeld" ist.

8. Forderung nach einer digitalen Dividene 2. Da die DD1 (Fernsehfrequenzen für den LTE-Ausbau) noch gar nicht genutzt wird (der Ausbau hat erst vor kurzem begonnen, wird diese Forderung als unnötig und populistisch wahrgenommen. Die Wirtschaft stehe zu ihrer Zusage, erst einemal die DD1 richtig zu nutzen.

Uns beschleicht das ungute Gefühl, dass die CDU/CSU mittlerweile die alte Vorhersage der Jusos, dass sich ein staatsmonopolistischer Kapitalismus entwickele in die Tat umsetzt. Nachdem erst dem Bankensektor 450 Milliarden € alleine in Deutschland seitens der Bundesregierung zur Verfügung gestellt wurden, die Laufzeiten der AKW auf Forderung der "Vier Großen" verlängert wurden, wird jetzt zugunsten des "Staatsbesitzes" Deutsche Telekom interveniert. Treiber dieser Beschlüsse ist, soweit wir das beurteilen können, die CSU, dort u.a. Staatssekretär Müller (BMLEV) - der seit langem und unbeirrbar einen Universaldienst - realisiert durch die DTAG - fordert. Hintergrund ist dabei wohl die Angst, mit dem Breitbandthema im nächsten Wahlkampf in Bayern durch die Freien Wähler (wie im letzten Wahlkampf) konfrontiert zu werden.

Wir fragen uns, wo die Ratio der Freiheit und damit auch der Freiheit in der Wirtschaft geblieben ist. Die SPD und die Grünen weisen mittlerweile mehr Kompetenz in diesen Themen auf, als CDU/CSU. Alte Gewissheiten werden obsolet ...

Wer das Originalpapier der CDU/CSU-FRaktion haben möchte: bitte kurze Mail senden an: kai (at) seim (bindestrich) partner (punkt) de.